Steffen Fischer „Paare & Protagonisten“

steffen-fischer_zeus-verfehlt-sein-ziel

Der Zeichner Steffen Fischer kleidet Zeitgeschehen in ein mythologisches Gewand. Er ist ein herausragender, expressiver Künstler und mutiger Kolorist, der den Betrachter provoziert, Stellung zu beziehen.

Hiermit lade ich recht herzlich zur Eröffnung der Ausstellung „Paare & Protagonisten“ mit aktuellen Arbeiten des Künstlers Steffen Fischer am 11.Mai um 19:30 Uhr in die Galerie Mitte ein.

Karin Weber

Im Kabinett:

„Arbeiten auf Papier“von Jürgen Keßler

Die Galerie ist am 25.5.2017 (Himmelfahrt) geschlossen!

Rede zur Ausstellungseröffnung:

„Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie von ganzem Herzen in der Galerie Mitte und lade Sie zu zu einem bildlich bildhaften, dionysischem Mysterium der Sinne, der Sarkasmen, der Parodien, der Ekstasen des Steffen Fischer ein, der sich begleitend im Kabinett seinen ehemaligen Studienfreund Jürgen Keßler eingeladen hat. …“

Sehr beeindruckt von der aufwühlenden, erbarmungslosen figurativen Bildwelt des Steffen Fischers, freue ich mich über diese Ausstellung, mit der er, der intelligente, bildnerische Unruhestifter endlich wieder in der Galerie Mitte angekommen ist.
Rastlos und getrieben begibt sich der Künstler mit der spontan fließenden Linie auf den Weg, um das einzukreisen, was ihn beunruhigt, was ihn bewegt, geistig in Bewegung zu bleiben und hoffen lässt, dass sich der Mensch nicht verliert in der Gier nach Macht und Herrschaft. Steffen Fischer bleibt immer bei sich, um den alltäglichen Wahnsinn zu beschreiben, in dem wir uns gegenwärtig so gut eingerichtet haben. Er seziert die Gegenwart, indem er seine Hand antiken Helden reicht, und die alten Mythen mit unseren heutigen Geschichten verbindet, und bereit ist, das tradierte Rollenverständnis von Mann und Frau aufzuheben, die martialische männliche Dominanz, zu unterwerfen und zu beherrschen, ad absurdum zu führen.
Die zeichnerische Linie fließt in einem nicht enden wollenden Rausch nervöser Lebendigkeit auf die Papiere, umschlingt, umgarnt in präziser anatomischer Knappheit und zuweilen mit grotesk aggressivem Ausmaß Körper, die die einschlägigen Mythen exzessiv und subversiv umkehren. Entgegen spießig-verbiesterter Moralethik herrscht hier die heitere Anarchie gelebter Panerotik gegen eine dumpfe Willkür.
Die pulsenden Rhythmen des immer wieder knospenden und keimenden an- und abschwellenden, versickernden und fließenden Lebens sind spürbar im Verlauf der zeichnerischen Linie, die erinnert sei an den schönen Ausspruch Ingres, die aufrichtigste aller Künste ist.
Der Wunsch nach Bewahrung gipfelt im Bedürfnis nach Sinnlichkeit.
Die Verlustangst männlicher Potenz wird aufgefangen mit starken Greif- und Haltreflexen am weiblichen Körper und geht einher mit der Sehnsucht nach tiefer Verwurzelung und Pfählung des Fleisches.
Der paradiesische Zustand der Nivellierung von geschlechtsspezifischen Rollen führt das martialisch Heldische ad absurdum. Die wilde Verzückung, die körperliche Wollust nimmt drastische, animalisch aggressive Züge an. Und die Metamorphose des Heldischen gipfelt in einer Travestiemaskerade.
Alles drängt von innen nach außen in einem formalen Aufbersten auf den Arbeiten, einem expressiven Verlangen nach Liebe und Gegenliebe am Abgrund, beseelt von dem krampfartigen Wunsch nach Rückkehr in die unvordenkliche Einheit, aber auch verwoben mit der Bestürzung, die mit diesem Begehren einhergeht, angesichts der bedrohlichen Dialektik von selbstvergessener Vereinigung und Selbstverlust.
Seit alltersher gilt der androgyne Mensch als Sinnbild der Versöhnung und Vereinigung der sich polar gegensätzlichen Geschlechter. Im Bild des Androgynen gipfeln alle Vorstellungen der glückseligen Vereinigung des Menschen, das entspricht der Sehnsucht und Suche nach dem verlorenen Ganzen, d.h. die Verschmelzung des Urmännlichen: böse, erregend, leidenschaftlich, sonnengeflutet, mit dem Urweiblichen, das strahlend und lockend aus der Dämmerung leuchtet: gut, sinnlich wachsend, gelassen.
Die Zwitterwesen auf den Bildern von Steffen Fischer, diese verwandelten Männer, sind nicht nur sexuell lesbar.
Sie sind Vertreter einer Lebensform mit weniger Aggressionspotential, einer friedlichen Gemütsbalance und kultureller Gebildetheit.

Paul Böckelmann hat in einer Laudation 2010 folgendes gesagt:
„Steffen Fischer schlägt einen weiten, mehr als dreitausend Jahre verbindenden Bogen zwischen der Welt, die scheinbar fern, versunken, alles erfunden hat, was Mensch formt, die uns in den Mythen Gerüche von Schweiß, Blut und Gold beschreibt, denen wir trotz unserer Deos, Ganzkörperenthaarungen, täglichen Waschungen, geregelten Infrastrukturen und gesetzlichen, manchmal entsetzlichen Regelwerken nicht entfliehen können.“
Steffen Fischer beherrscht mit sinnlicher Fabulierlust die formale Groteske, wobei er genau weiß, wieweit er mit der Übertreibung zu gehen hat, um den Betrachter zwar zu provozieren, jedoch nicht zu verwirren. Mit philosophischer Dichte reflektiert er, assoziativ lesbar, Zeitphänomene, parodiert er menschliches Verhalten, verstrickt er sich in linearen Arabesken und prachtvoller Farbkultur und drückt in Gleichnissen aus, was Becher in seiner inneren Not, kurz vor seinem Tod in sein Tagebuch schrieb:
„Es ist nicht eigentlich das Vergessen, was es uns so schwer macht…Nicht die Gedächtnisschwäche oder der Gedächtnisschwund sind es…Das Verdrängen ist es, welches mir am gefährlichsten scheint…Das Verdrängen ist geradezu ein aktives, militantes Vergessen, denn es lebt nicht irgendwo harmlos in der Seele der Menschen weiter, sondern arbeitet sich aus dem „Schacht des Vergessens“ immer wieder herauf, nimmt die sonderbarsten Formen an und bricht mit einer elementaren Gewalt bald da, bald dort durch, unkontrolliert, hemmungslos, gebieterisch. Die Verdrängung wird zur Bedrängung, die uns nicht zur Besinnung kommen lässt und die Verdränger sind es, die durch ihr Krakeelen den Prozess einer soliden Selbstverständigung behindern.“

Das erinnert mich wiederum an ein sarkastisches Wort-Bild, das Grosz in seinen Erinnerungen, „dem Gedankenzirkus“, niedergeschrieben hat:
„Ein Mann brütet vor sich hin, wischt sich verwirrt über die Stirn, als ob er plötzlich aus etwas ganz Entsetzlichem erwacht, etwas, worin er eine Rolle spielte, etwas woran er teilnahm. Vielleicht hat er alles nur geträumt. Aber um ihn ist grässliche Wirklichkeit. Verwelkte Blumen in seiner brutalen Hand. Entwurzelte Träume, Träume, die einmal schön waren, jetzt aber dahingedorrt, erwürgt von seinen Fingern. Er sitzt auf einer Trommel tief im Schlamm.“

In der Ausstellung sind erstmals mehrere Selbstporträts zu sehen. Bislang hat der Künstler immer nach außen geschaut. Nun wagt er es erstmals, sich selbst zu reflektieren, allerdings immer noch mit Maskierung, in einer eindeutigen Haltung festungsmäßiger, körperlicher Distanz zum Betrachter. Mit Abstand kann man besser sehen! Männer erziehen sich nach außen eine gewisse Emotionslosigkeit an. Dies ist eine Anspielung darauf, somit unantastbar zu sein, es ist eine Ironisierung der Männerhardcoregesellschaft, eine andere Anspielung verweist auf die Rolle als „Narr“, der unbehelligt unbequeme Dinge äußern darf und unerwünschte Fragen stellt, was Steffen Fischer als Aufgabe eines jeden zeitgenössischen Künstlers ansieht.
So wird ein Blatt Papier vom Künstler wie ein Schlachtfeld behandelt, ein Hinrichtungsplatz oder es verwandelt sich in ein lustvolles aber bitteres Tagebuch, berührt von den Geschehnissen der realen Welt und denen der Vergangenheit, die sich in mehr oder weniger deutbare, sich überlagernde Träume verwandeln, in Grotesken oder was auch immer. Es sind Figuren im blutigen Brei der Erde, der Geschichte, die wieder aufbricht in Metaphern voller Geschwüre und Narben.
Das sind Ein-Drücke, die Menschen hinterließen, zuweilen Spuren apoklyptischen Ausmaßes, von apokalyptischen Bestien, die Hass gesät und Hass geerntet haben. Und, zarte Innenwelten geben sich preis von einem Menschen der immer bei Sinnen ist.
Paare waren von Anbeginn thematischer Ausgangspunkt von Steffen Fischer, Bilder zu malen. Ihn interessiert die Verhältnisbeziehung von Mann und Frau und er sieht in der kleinsten Zelle menschlichen Agierens und Zusammenlebens auch den Keim und die Erkenntnis für gesellschaftliche Zusammenhänge. Eine ganz besondere Fragestellung steht über all dem: Gibt es etwas fundamental anderes als das geschlechtsspezifische, was die Paarungen auszeichnet? Ist ein herrschaftsfreies Verhältnis möglich, um ein schöpferisches Produktionspaar zu bilden, was sich gegenseitig ergänzt, nicht bekriegt und nicht unterwirft? Steffen Fischer stand immer skeptisch der alttestamentarischen Formulierung gegenüber: „und der Mann mache sich das Weib zum Untertan“.
Der Künstler wendete sich der antiken Ledageschichte zu. Der Göttervater Zeus wendet eine List an, um sich trotz vorangegangener Zurückweisung, Leda gegen ihren Willen sexuell zu bemächtigen und verwandelt sich in einen Schwan. Die traditionelle Lesart dieser Geschichte ist, dass sich Himmel und Erde mit Überbringung des göttlichen Samens miteinander vereinen. Aber das ist nicht das Thema Steffen Fischers: Das Ei ist die Beherbergung weiblicher Schöpferkraft. Das gesamte patriarchalische Projekt ist demzufolge eine Umkehrung der Welt: die archaische Mutter wandelte sich in den archaischen Vater. Und dieser Verkehrung nähert sich der Künstler bei „leda und Zeus“. Leda gibt sich nicht erwartungsgemäss nach göttlicher Fügung freiwillig, sinnlich, lasziv und erotisch hin. Es handelt sich mit einem ironischen Augenzwinkern um eine Umkehrung der Herrschaftsgeste als Domina „Zeus verfehlt sein Ziel“.
Der tanz ist für Steffen Fischer die hohe Kunst des körperlichen Ausdrucks. Kein Wunder, dass er sich mit Leidenschaft zeichnend dem Flamenco zuwandte, Ornament und Bewegung, Stolz und Leidenschaft fließen zusammen. Eine körperliche Furiosität kommt zum Tragen. Neben klassischer Schönheit trägt dieser Tanz auch etwas archaisch Unverstelltes in sich.
So wie der Stierkampf auch ein Tanz auf Leben und Tod bedeutet. Im Mai geboren, identifiziert sich Steffen Fischer mit dem Stier und nähert sich dem Thema auch aus der Perspektive des chancenlosen Stiers, der in einem Ritual des Siegs über die Bestie, in einem Naturüberwältigungsritual, abgeschlachtet wird. Fischer gestaltet die Umkehrung, d.h. den Zeitpunkt, da der Matador auf die Hörner genommen wird.
Steffen Fischer ist ein Vertreter wahrhaftiger Emanzipation, jenseits herrschender und beherrschender Gesten!

In gewissem Sinne gibt es Parallelen zu Jürgen Keßler, der ganz auf Farbe setzt und auf ornamentale Chiffren, die an Sgraffitis, an Street Art erinnern, an die Wirkungsart von Comics. Die großformatigen Arbeiten auf Papier besitzen eine unwahrscheinliche Strahlkraft, denen eine nahezu naive fabulöse Erzählkunst eigen ist, die etwas aussagt über den Alltag, über Brüche, Verwerfungen, Ängste, Bedrohungen, über die Sehnsucht nach Schönheit und Harmonie, über das ewige Werden und Vergehen und die Bitte, der Endlichkeit allen Begehrens einen Fetzen Ewigkeit abzuringen. Er hat die Nabelschnur mit natürlichen, archaischen Gegebenheiten noch nicht abgeschnitten und so leuchten uns die Bildwerke, heiter, mitunter mit ironischem Understatement, entgegen.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei einer lustvollen Eroberung der Bildwerke.“

Karin Weber am 11.05.2017

Mischtechnik auf Papier 100 x 70 cm, alle Bilder ohne Titel