Leonore Adler & Joachim Bunzler – „kühles Licht – warme Schatten“

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Zur Eröffnung der neuen Ausstellung „kühles Licht – warme Schatten“ von Leonore Adler & Joachim Bunzler am Donnerstag, dem 26.Januar 2017 lade ich recht herzlich in die Galerie Mitte ein.

Karin Weber

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

„warme Schatten-kühles Licht“ nennt Leonore Adler diese Ausstellung zu der sie sich Joachim Bunzler als Fotografen eingeladen hat. Beide sind seit vielen Jahren miteinander befreundet und haben sich sicherlich auch gegenseitig in gewisser Weise beeinflusst. Beide sind dem dualistischen Weltprinzip auf der Spur, was auch schon der Ausstellungstitel verdeutlicht: Licht und Schatten, warm und kalt, hell und dunkel. Beide beschäftigen sich mit dem Thema Mensch und Umwelt, beide suchen Schönheit, beide suchen Natürlichkeit, Natur, das verlorene Paradies.

Die künstlichen Welten, die der Mensch geschaffen hat, sind sowohl von Weisheit als auch Wahnsinn geprägt. Sein Drang, die Natur zu beherrschen, gottgleich zu sein, die Welt zu verstehen und neu zu gestalten, hat den Fortschritt der Zivilisation bestimmt, doch gleichzeitig treibt die Unvernunft zahlreiche Blüten, werden durch neurotische Fortschrittsgläubigkeit, durch fortschreitende Technisierung und Automatisierung die Lebensprozesse bestimmt, die scheinbar auch Lebensqualität verbessern.
Distanzen zwischen den Menschen fallen weg. Die Uhren ticken schneller, man ist immer erreichbar und paradoxerweise werden die Entfernungen zwischen den Menschen doch größer und auch zu seinen natürlichen Bedürfnissen.
Wie wohltuend sind dann die kunstvollen Welten der Phantasie, die Visionen von Nähe zulassen. Das natürliche Maß und Maßnehmen geht immer mehr verloren. Man strebt nach Unsterblichkeit und ist versucht immer schön, immer jung, immer fit, immer präsent zu sein. Wir sind emotionslos und taub in einem Netz medialer Ereignisse verstrickt und verlieren uns im Anspruch, alles sofort und jetzt zu erreichen. Der Mensch, der der Illusion erlegen war, zu beherrschen, wird nunmehr beherrscht von den Systemen, die er sich selbst ausdachte, die sich zu verselbständigen scheinen, von den Medien, Informationen und Bildern, den Möglichkeiten von Gentechnik und Mikrobiologie, von Computer- und Internetvernetzungen, in denen individuelle Denkansätze wie in einem Räderwerk zu zermalmen drohen.
Selbst die Erde versagt ihm mehr und mehr den Dienst und weist die Menschheit mit zunehmenden, unberechenbaren und kaum beherrschbaren Umweltkatastrophen seinen angestammten Platz zwischen natürlichem Werden und Vergehen zu. Kriege führt man zukünftig wohl um natürliche, lebensnotwendige Ressourcen und nicht, um das vermeintlich Böse einzudämmen oder demokratischer, gesellschaftlicher Umgestaltungen wegen.

Der Kulturkritiker Neil Postman schrieb in einem ernst zu nehmenden Aufsatz: „Wer ist bereit, sich gegen den Ansturm der Zerstreuungen aufzulehnen? Bei wem führen wir Klage – wann? Und in welchem Tonfall? – wenn sich der ernsthafte Diskurs in Gekicher auflöst? Welche Gegenmittel soll man einer Kultur verschreiben, die vom Gelächter aufgezehrt wird? Ich fürchte, unsere Philosophen lassen uns hier im Stich. Ihre Warnungen richten sich gewöhnlich gegen bewusst formulierte Ideologien. Aber das, was zur Zeit vor sich geht, folgt nicht den Absichten einer artikulierten Ideologie. Kein kompaktes Programm, kein „Mein Kampf“ und kein „Kommunistisches Manifest“ haben die Entwicklung, die sich jetzt abzeichnet, angekündigt. Sie tritt als ungewollte Konsequenz eines dramatischen Wandels in den Formen unseres öffentlichen Austausches auf. Und doch handelt es sich um eine Ideologie, denn sie drängt uns eine bestimmte Lebensweise und ein ganz bestimmtes Verhältnis zwischen Menschen und Ideen auf. Ohne Konsens, ohne Diskussion und ohne dass Einwände erhoben würden. Es bedurfte nur unserer Nachgiebigkeit. Das öffentliche Bewusstsein will noch nicht wahrhaben, dass Technik Ideologie ist. Und dies, obwohl die Technik vor unseren Augen in den letzten 80 Jahren das Leben einschneidend verändert hat.“.

Es ist eine Ausstellung, die wir heute eröffnen, die in gewisser Weise nachdenklich stimmt und die doch nicht didaktisch daherkommt, sondern mit Hintersinn und Doppelsinn, mit Phantasie und leichter Melancholie, hyperrealistisch, surreal, expressiv und figürlich – eine Renaissance an Menschlichkeit einfordert. Blatt für Blatt, Bild für Bild erzählt Leonore Adler ihre Geschichte in sinnlicher Verstrickung von Mensch, Tier und Pflanze, mit einer guten Beobachtungsgabe, spitzem Pinsel, zeichnerischer Virtuosität und Einfühlungsvermögen. Sie bebildert die Lust am Leben, die Hoffnung und das immerwährende Träumen, davon dass die Natur wieder Besitz ergreift, von dem, was ihr entrissen wurde. Alle Räder stehen still…

Leonore Adler, die 1953 in Plauen im Vogtland geboren wurde, hat ein gutes Stück sächsischer Kunstgeschichte mitgeschrieben. Von 1973 bis 1978 studierte sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Prof. Arno Rink und Prof. Rolf Kuhrt. Seit 1979 lebt sie in Dresden.
Leonore Adler war Gründungsmitglied der Dresdner Sezession 89. Sie entwickelte im pluralistischen Stilgefüge Dresdens bildkünstlerische Ausdrucksmöglichkeiten, die man als eigenständig und unverwechselbar bezeichnen muss. Malerei, Zeichnung und Druckgrafik in limitierter Auflage, unkonventionelle Raumgestaltungen mit thematischem, kritischem Gegenwartsbezug sowie die Umsetzung faszinierender Land-Árt-Projekte im Zusammenhang mit den der „Mnemosyne“ geweihten Aktionen in und an Dresdner Stadtgewässern der Dresdner Sezession 89, zeichnen ihr Schaffen aus.
Leonore Adler setzte zahlreiche Objekte aus Naturmaterialien um, die auf anregende Weise, den kosmologischen Zusammenhang von Mensch und Natur nahebrachten. Naturmythen sind mit eigenen Lebensgefühlen und Lebenserfahrungen verwoben.
Anfangs beherrschten ihre Bildwelt weibliche Figurationen in einem verwirrenden Kaleidoskop von kristallin zersprengten, organoiden Formen einer dunkel erdigen Farbigkeit, dynamisiert mit kurzen, heftigen Pinselstrichen, die dem mythischen Ausruf der Expressionisten „Oh, Mensch!“, sehr nahe kam mit der eigenwilligen Darstellung eines schicksalhaften Geworfenseins die Welt, später entstanden abstrahierte Flächencollagen und dann hellte sich die Palette auf und manifestierte die ewige Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, um die Jahrtausendwende entwickelte sie Collagen, in die sowohl Zeitungsartikel, Familienfotos und Biografisches Eingang fand, die Lebenszeit dokumentierten.

„Meine Bilder sind niemals fertig“, schrieb Leonore Adler in ihrem 1996, herausgegebenen Katalog, „vielmehr befinden sie sich in einem einstweiligen Zustand der Ruhe. Zwangsläufig stellen sie nur den Bruchteil eines größeren Ganzen dar. Prinzipiell wäre es auch möglich, über die Ränder hinaus weiterzuarbeiten, oder verschiedene Bilder, ähnlich einem Puzzle aneinanderzulegen, um eine neue An-Sicht, einen neuen Klang zu erhalten. An-Sichten sind wandelbar, in einer unendlichen Vielfalt von Variationen. So gibt es denn auch weder Vorder- noch Hintergrund, alles ist miteinander verwoben.“
Üppig wuchernde Formen, ineinander verschlungene Pflanzen, Tiere und Menschen nimmt man auf den in sich bewegten Aquarellen und Collagen von Leonore Adler wahr. Neben Körperhaftem sind auch atmosphärische Erscheinungen lebendig, Wasser fließt, Windspiele lassen Bewegung ahnen, der farbige Abglanz von Sonne, Mond und Sternen spiegelt sich in der Oberflächenfaktur der Bilder wieder. Mit Hilfe eines gleitend lasierenden Farbauftrages entsteht schichtweise ein faszinierender Mikrokosmos des unbedingten Aufeinanderbezogenseins von Kreatur und Natur. Erdige, warme Farbtöne stehen neben kühl changierenden Blau- und Grauabstufungen.

Für Leonore Adler ist ein aussdrucksstarker, ursprünglicher Figurenkanon charakteristisch, der als Zivilisationsmetapher seine Wirkung nicht verfehlt. Dennoch lösen sich die Figurationen im kostbaren Farbgewirk zuweilen auf. Alles ist in Bewegung auf den harmonisch ausbalancierten Bildteppichen, alles ist letztlich dem unergründlichen Wechselspiel von Werden und Vergehen unterworfen. Farbe glüht, leuchtet, wächst und stürzt, Farbe beseelt die Kompositionen in endlos lichter Transparenz oder dämonisch dunkler Verdichtung. In diesen reichen Strukturgeweben, in denen man sich finden oder verlieren kann, nisten Schmerz, Freude, Hoffnungen und Visionen.
Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies“ beschwört Leonore Adler in poetischen Gleichnissen die Verantwortung eines jeden menschlichen Wesens, die lebenserhaltende Nabelschnur mit der Natur nicht zu zerreißen. Wir alle sind gezeichnet, denn Existenz vollzieht sich niemals reibungslos, nicht ohne Berührungen, zärtliche wie schmerzhafte, die Spuren hinterlassen. Es kommt darauf an, sein Gedächtnis nicht zu verlieren und das Licht im Schatten zu sehen.

Joachim Bunzler, Jahrgang 1950, studierte nach einer Berufsausbildung mit Abitur im Traktorenwerk Schönebeck als Zerspaner Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. 1980 begann er seine restauratorische Tätigkeit unter Anleitung von Gunther Herrmann. Er hat an restauratorischen Maßnahmen in der Albrechtsburg Meißen, im Schloss Pillnitz, diversen Kirchen in Sachsen, am Altar der Dresdner Frauenkirche, im Historischen Grünen Gewölbe im Schloss Dresden mitgewirkt. 2009 arbeitete er mit bei der Wiederherstellung der bildhaften Sgrafitto-Gestaltung im Großen Schlosshof des Residenzschlosses Dresden. Seit 2005 beschäftigt er sich mit digitaler Fotografie. Er schrieb selbst zum Inhalt seiner fotografischen Arbeit Folgendes:

„In meiner Tätigkeit als Restaurator bin ich mir der Veränderlichkeit der gebauten Welt bewusst. Dabei habe ich mit Zeitschichten in Form von Stilen und Epochen zu tun. Diese haben in der Regel Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte Bestand, sind oder werden erforscht, dokumentiert, konserviert und restauriert. Im Bereich der Industriearchitektur liegt deren Blütezeit gerade einmal 100 Jahre zurück, und der technische und gesellschaftliche Wandel haben viele Bauwerke und Anlagen überflüssig gemacht. Oft sind sie unbemerkt fast über Nacht verschwunden. Wenige werden als Technische Denkmale geschützt. Die vom Profitstreben noch verschont gebliebenen Fabrikgebäude, technischen Anlagen und Brachflächen bieten Freiraum für kreative aber auch destruktive Aktivitäten, als auch für die regenerativen Kräfte der Natur. Das Zusammenspiel dieser Elemente erzeugt oft eine schnelle Veränderung des Erscheinungsbildes eines solchen Ortes. Mein Wunsch ist es, diese Momente ihrer Existenz in Beziehung zu ihrer ursprünglichen Bedeutung und Würde darzustellen.“

Es sind Fotografien, die von einer sinnlichen Farbmaterie leben, Bilder von Inszenierungen und Überarbeitungen, die den Duft von Vergänglichkeit und Neubeginn atmen. In diese Geschichten fließender Grenzüberschreitungen hat er sich eingewurzelt. Man schaut, fühlt sich umschmeichelt, ja geborgen und erinnert sich an Orte, wo man etwas erahnte von der so viel beschworenen Leichtigkeit des Seins. Unversehens verwandelt man sich von einem flüchtigen, zu einem gebannten Betrachter und folgt aufmerksam der Spur, die Joachim Bunzler ausgelegt hat und sie führt weg von kunsthistorischen Vergleichen. Sie führt uns zu uns selbst, zu etwas, das uns bekannt vorkommt und doch mit Worten kaum zu beschreiben ist. Er ist ein Augenmensch, Schönheit auf der Spur, einer der sich assoziierend an seine Motive mit Hingabe verliert. So verschmelzen innere und äußere Landschaften, in die das Sehen seine Spuren gräbt, das Wahrnehmen, das von eigener Erfahrung und von Wunschvorstellung geprägt ist.

Karin Weber