Gila Abutalebi „Monsieur K & Lady M: Die Magie der Kreise“

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Zur Eröffnung der neuen Ausstellung „Monsieur K & Lady M: Magie der Kreise“ von Gila Abutalebi am Donnerstag, dem 22.März 2017 lade ich recht herzlich in die Galerie Mitte ein.

Karin Weber

GILA ABUTALEBI
(*1971 in Ried, Österreich) studierte Sprachen, Wirtschaft, Schauspiel in Deutschland, USA und Spanien. Seit ihrer Kindheit war sie Stift und Sprache verbunden. Die deutsch-persische Schrift- und Sprachkünstlerin stellt seit 2009 ihre filigranen von Hand geschriebenen Werke aus. Sie lebt und arbeitet in Köln.

Rede zur Ausstellungseröffnung:

„Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, sie am heutigen Abend in der Galerie Mitte begrüßen zu dürfen, zur Eröffnung einer Ausstellung mit faszinierenden Arbeiten der deutsch-persischen Künstlerin Gila Abutalebi, die den geheimnisvollen Titel : „Monsieur K und Lady M: Die Magie der Kreise.“ trägt, und sich durch den Titel keineswegs erschließt, sondern neugierig macht zu ergründen, was sich wohl dahinter verbirgt. Begrüßen Sie mit mir herzlich in Dresden, die in Köln lebende Künstlerin Gila Abutalebi als auch Herwig Nowak, der mich, kunstbegeistert, mit ihr bekannt machte. Musikalisch leiten uns durch den Abend Annett Richter und Derek Hendersson mit Chansons und Texten über starke Frauen. Und diesen beiden übergebe ich nun den Ton und das Wort. …“

Gila Abutalebi ist eine selbstbewusste, kraftvolle, leidenschaftliche, ja lebensbejahende Frau, voller Empathie, mit einem untrüglichen Gerechtigkeitssinn und einem mitreißenden Optimismus, die den Glauben an die Menschen, die sie so liebt, nicht verloren hat, die die Welt, trotz aller Brüche zu umarmen scheint und doch an ihr leidet. Wenn es für sie eine Bibel gibt, sagte sie mir, dann ist es das Kunstmärchen von Antoine de Saint-Exupéry. Es ist eine poetische Kritik am Werteverfall in der Gesellschaft und ein Plädoyer für Freundschaft und Menschlichkeit. Die Grundbotschaft lautet: „ Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Es war das erste Geschenk, das ich von ihr erhielt mit einem kleinen Rosenstock.

Vor über zwanzig Jahren hat sie einen Text geschrieben, dessen Auslöser der Jugoslawien Konflikt war. Und nach so langer Zeit haben diese Worte nichts an Aktualität verloren: „ Unschuldige bluten, unwissende wüten. Es ist Krieg. Verdammt! Es ist Krieg. Ja, du bist vielleicht weit entfernt und du denkst, es betrifft dich nicht, denn du bist wahrscheinlich in Sicherheit. Aber wer weiß das schon. Wer weiß das schon?! Unschuldige bluten. Unwissende wüten. Es ist Krieg. Verdammt! Es ist Krieg. Und jeden Tag sterben Menschen und du denkst, das ist egal, denn das ist vermutlich völlig normal. Aber wer weiß das schon?! Wer weiß das schon?! Verdammt, es ist Krieg! Und ich frage genau dich: Bist DU sicher, in Sicherheit?!“ Im Bild daneben lesen wir: „Nothing is OK!“

Gila Abutalebi ist 1971 in Ried in Österreich geboren. Sie trägt ihre Vergangenheit mit sich, ihre persischen Wurzeln. Ihr Vater studierte in Wien Medizin. Danach siedelte sich die Familie in Hamm/Westfallen mit der ersten Anstellung an. Nach dem Sturz des Schahs und den Unruhen im Iran blieb die Familie. Buchstaben, Worte, Sprachen haben Gila Abutalebi ihr Leben lang begleitet. Selbst als Kind hat sie immer einen Stift mit sich getragen, um etwas zu notieren. Später waren es Gedichte und Texte mit zeitphilosophischem Inhalt. Sie spricht fließend fünf Sprachen, wobei die deutsche ihr die liebste aller Sprachen ist. Sie hat Sprachen, Wirtschaft und Schauspiel studiert, hat als freie Moderatorin, Schauspielerin und Sprecherin gearbeitet, zahlreiche Lesungen gemacht. In Amerika und Spanien hat sie ihre Ausbildungen vollendet. Das Wort hat sie immer begleitet, war ihr Kraftquell und Wegweiser zugleich. Irgendwann hatte sie begonnen, ihre Texte auf Folien zu visualisieren, zu schreiben, um so dem Text mehr Raum zu geben, Worte transparent zu machen. 2007 wurde ihr Projekt „Das Zeitalter der schnellen Liebe“ geboren. Es folgten Ausstellungen und Performances im Kölner Stadtraum und anderen Städten. Sie wurde auf die Leipziger Buchmesse geladen. Die handschriftlichen Textfolien wurden dort frei schwebend präsentiert. Ihren ersten großen Auftrag erhielt sie in Leipzig: eine onkologische Praxisklinik, Kunst am Bau, und sie blieb in Leipzig, fand eine Wirkungsstätte in der Baumwollspinnerei. Immer in Bewegung, in allen Kunstsparten, hatte sie sich noch bevor sie mit ihren Werken in die Öffentlichkeit ging, zwei Mentoren, an der Düsseldorfer als auch Leipziger Kunstakademie gesucht. Sie blieb sich von Anbeginn treu, verfolgte ihren eigenen Stil, ließ sich vom lüsternen Kunstmarktgeschehen nicht beeindrucken, sondern ging ihren eigenen Weg und entwickelte stetig ihre eigene Handschrift. Die handgeschriebenen Buchstaben verselbständigten sich und wurden Grundlage ihres meditativen Arbeitens von Text im Bild. Gila Abutalebi ist fasziniert von der Form und dem Sinngehalt von Buchstaben und ist ihnen regelrecht verfallen. Sie fand dafür einen passenden Begriff „transparente Lyrik“, nicht zuletzt weil sie sich für ihr „Markenzeichen“ entschieden hat, ausschließlich auf transparenten Materialien zu arbeiten: Plastik, Plexi und Glas. Buchstaben werden aneinander geschrieben und bilden ein ineinanderfließendes Band einer bewegten, in sich strukturierten Ordnung. So entstehen seriell wirkende, stereotype Formationen, die Zeitgeschehen reflektieren, Buchstabenteppiche vom „K“, aufgebrochen durch verlaufende rote Linien. K steht für Kreatur, Krieg, Krise, Kraft, Komposition, Kapitalismus, Kommunismus, Konzentration, Konflikt, Kuss und vieles mehr. Und tatsächlich vereinigen sich auf manchen Arbeiten die K’s zu Küssen. Die Künstlerin weiß, wovon sie schreibt, weiß, dass das Leben vom dualistischen Prinzip geprägt ist: Licht und Schatten, Mann und Frau, Sonne und Mond, Krieg und Frieden, Tag und Nacht, Leben und Tod. Wir alle sind dem ewigen Kreislauf vom Werden und Vergehen unterworfen. Gila Abutalebi schreibt sich von der Seele, was sie bedrängt, bewegt, hoffen lässt, was sie mit mit Freude erfüllt und bestürzt und so ergaben sich mit der Zeit, wie von selbst in einem intuitiven Prozess Kreise, in denen alles, was ihr am Herzen liegt, zusammengeführt wird.

Der Kreis ist das Symbol für die Einheit aller Elemente, für das Absolute, Vollkommene und Göttliche, ebenso auch für den Himmel und das All. Er ist Symbol der Unendlichkeit und der ewigen Wiederkehr und gilt als magischer Schutzraum. Er symbolisiert das Ewige, Zeit- und Raumlosigkeit und immer wieder Bewegung. Das Quadrat steht für Beständigkeit. Wenn sich Kreis und Quadrat miteinander verbinden, dann entsteht Harmonie. “Ich schreibe und schreibe, K, M, K, M, im Moment, in der puren Meditation MMM, mmm… Ich schreibe und schreibe, unbeschreiblich ist es, lasse die Zeit in Farben dahin fließen, ich schwimme in Buchstaben, Ozeanen von Buchstaben. Ich schreibe und schreibe, drehe mich im Kreis, ich fühle, treibe umher in unser aller Geschichte, durchstreife die Welten der Jahrhunderte, suche, frage, beleuchte, kreise umher…Die Magie der Kreise ist wahrhaftig für mich eine lange Reise, ein ganzes Leben auf bunten, nebeligen, fröhlichen, traurigen, goldenen, leuchtenden Wegen, ein Durchstreifen durch die große weite geheimnisvolle Welt, mal länger, mal kürzer, alle und alles hat einen Kreis hinterlassen: Stimmungen, Bilder, Farben, Momente, Erfahrungen…Ich liebe meine Kreise, ich liebe die Momente, ich liebe meine Menschen.“ Das „M“ steht für Magie, Macht, Mutter, Meer, Meditation, Mut und vieles mehr.

Mit höchster Konzentration und Perfektion schreibt Gila Abutalebi ihre Kreise auf Plastikfolien, während sie ihren kreisenden Gedanken intuitiv folgt, kraftvoll, filigran, stürmisch expressiv. Sie erzählt ihre Geschichte und unser aller Geschichte, von Einsamkeit, von Begegnungen, von unseren Schnittpunkten, unseren Lebenskreisläufen. Sie reflektiert über Zeit, wendet sich gegen die Oberflächlichkeit von gegenwärtiger Kommunikation, plädiert für ein Beisammensein. Auge in Auge mit dem Betrachter bespricht sie sich, denn was sind es anderes als Augen, die den Mittelpunkt der Kreise bilden und alles einzusaugen scheinen. Man denkt an Bildteppiche, an orientalische Ornamente. Gila Abutalebi verbindet das Abendland mit dem Morgenland, abendländische Schriftkultur mit orientalisch anmutender Form. Voller Bewegung sind die Kreise, auf mehreren Schichten von Folien „geschrieben“, in denen sich Licht und Schatten verfängt. Ich müsste Ihnen am heutigen Abend Taschenlampen austeilen, mit denen Sie sich die Werke erobern sollten, um der Plastizität und der Räumlichkeit der Werke zu folgen. Je nach Bewegung des Betrachters, bewegt sich auch das Sichtbare geheimnisvoll. Man ist auf dem ersten Blick fasziniert von der Ästhetik der Werke, der mitschwingenden Harmonie, der Farbigkeit und wenn man sich weiter vertieft, dann entbirgt der zweite Blick eine philosophische Dimension. Es gibt unendliche Deutungsmöglichkeiten! Möge sich die Macht der Freude, die positive Energie, die Reflexion von Material, Text und Zeit auf sie übertragen!“

Karin Weber am 22.03.2017